SNF-Forschungsprojekt
Die Systematisierung städtebaulichen Wissens

SNF-Forschungsprojekt
Prof. Dr. Vittorio Magnago Lampugnani, Dr. Katrin Albrecht, Dr. Lukas Zurfluh, Helene Bihlmaier
2013-2016
 

Mitarbeit:
Dr. Irina Davidovici, Christopher Metz, Dr. Eliana Perotti, Dr. Harald R. Stühlinger

Die Systematisierung städtebaulichen Wissens
Eine wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung städtebaulicher Manuale von der Gründungsphase der Disziplin bis in die Zeit des Wiederaufbaus (1870-1950)

Mit der Begründung des Städtebaus als eigenständige Disziplin kommen gegen Ende des 19. Jahrhunderts die ersten spezifisch dem Städtebau gewidmeten Handbücher auf. Sie bilden ein zentrales Mittel, um das praktische und theoretische Wissen der Disziplin zusammenzufassen, zu systematisieren und zugänglich zu machen. Zunächst erscheinen sie im deutschsprachigen Raum, von wo aus sie sich rasch und erfolgreich verbreiten und ihre Blütezeit in den ersten Jahrzehnten nach der Jahrhundertwende erreichen. Nach dem Zweiten Weltkrieg, als der Verlust historischer Bausubstanz eklatant wird, erleben sie erneut einen Aufschwung.
Buchwissenschaftlich stellt das Manual als Teil der sekundären Fachliteratur eine eigene Gattung dar, die dem Sammeln, Ordnen, Speichern und Vermitteln von Informationen dient – die Übergänge zu anderen Fachliteratur-Formaten sind jedoch fliessend. Meist erscheinen die Handbücher in Wissenschafts- und Fachverlagen und wenden sich an Fachleute und Studierende; formal zeichnen sie sich durch ihre strenge, systematische, fachbezogene Ordnung aus. Ihre Funktion besteht zum einen in der Verbreitung von Wissen in einer allgemeinverständlichen, übersichtlichen und schematischen Form, zum andern in der analytischen, systematischen und praxisorientierten Abhandlung bestimmter Aspekte. Nebst der Erläuterung technischer, normativer, künstlerischer, soziologischer, wirtschaftlicher und administrativer Aspekte operieren städtebauliche Manuale oft mit dem Mittel der Analyse stadträumlicher Beispiele und Elemente.
Obwohl Handbücher als Untersuchungsobjekte in jüngster Zeit zunehmend in den Fokus der Forschung gerückt sind, gibt es bis heute weder eine allumfassende Handbuch- noch eine spezifische städtebauliche Handbuchforschung. Um diese Lücke zu schliessen, nimmt das Forschungsprojekt eine wissenschaftsgeschichtliche Untersuchung städtebaulicher Manuale im Zeitraum zwischen 1870 und 1950 vor, wobei der Schwerpunkt auf dem deutsch-, französisch-, englisch- und italienischsprachigen und geografisch auf dem europäischen und nordamerikanischen Kontext liegt. Anhand der Entstehung und Entwicklung der Handbuchliteratur sollen die Methoden der Systematisierung städtebaulichen Wissens in der Gründungsphase der Disziplin als internationales Phänomen analysiert und die Hauptlinien der Handbuchproduktion – ihr typologisches Spektrum reicht von kleinformatigen Pamphleten bis hin zu technischen Wälzern und Sammlungen eigener Entwürfe – möglichst prägnant herausgearbeitet werden.
Ausgehend von der Annahme, dass die Handbücher immer auch eine städtebauliche Idealvorstellung formulieren, soll untersucht werden, wie sich darin verschiedene städtebauliche Theorien und Ideologien der jeweiligen Zeit widerspiegeln. Da die Handbücher nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch methodische Hinweise geben, bilden sie zudem stets ein doppeltes Dispositiv. Diesbezüglich soll aufgezeigt werden, wie die verwendeten Beispiele und Abbildungen mit dem Anspruch auf Allgemeingültigkeit verbunden sind, wie durch die Schaffung nachahmenswerter Modelle zugleich ideologische Inhalte transportiert werden und wie die Kodifizierung des Wissens in eine allgemeinverständliche Form zu einem Instrument für die Praxis wird. Diese Untersuchungen ermöglichen wiederum Rückschlüsse auf die Disziplin des Städtebaus.
Gestützt auf ein einheitliches Analyseraster wird in einem ersten Schritt eine Auswahl exemplarischer Manuale untersucht und verglichen. Das Augenmerk richtet sich dabei auf die Urheberschaft des Werks – den Werdegang, die Tätigkeit und das Beziehungsnetz des Autors – und die Publikation als Artefakt – die Erscheinung, den Aufbau, den Inhalt und die Rezeption des Manuals. Ein dritter Schwerpunkt bildet dessen Einordnung in den historischen und kulturellen Zusammenhang. Ergänzend dazu werden Kurzeinträge zu weiteren Städtebauhandbüchern verfasst, die den Kontext des Forschungsgegenstands erheblich ausweiten. In einem zweiten Schritt werden übergeordnete und synthetisierende Themen behandelt, die für die Gattung, Geschichte und Wirkung des Städtebaumanuals von Bedeutung sind.